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Arbeitsplatz

Der narzisstische Chef: Warum die Strategie nicht Rückzug heißt, sondern Professionalität, Dokumentation und Verbündete

Lesezeit 9 Min.
In einem Teamworkshop erzählte mir eine Abteilungsleiterin, ihr Geschäftsführer sei „nach oben ein Charmeur und nach unten ein anderer Mensch“. Die Geschäftsführung glaube dem Team nicht, weil sie den Charmeur kenne. Die Fluktuation sei hoch, und alle, die gegangen seien, hätten hinterher als unfähig oder illoyal gegolten. Ich höre diese Beschreibung in Unternehmen so oft, dass ich sie fast als Diagnosekriterium bezeichnen würde – wenn ich Diagnosen stellen würde, was ich nicht tue.
Die direkte Antwort auf die Frage, wie man mit einer narzisstischen Führungskraft umgeht, lautet: anders als mit einem narzisstischen Partner. Du kannst nicht gehen, ohne viel zu verlieren, alles passiert vor Zeugen, die selbst abhängig sind – aber du hast Institutionen an deiner Seite, die es in einer Partnerschaft nicht gibt. Deine Strategie ist deshalb nicht Rückzug, sondern Professionalität, Dokumentation und Verbündete.

Key Takeaways

  • Narzisstische Führungskräfte sind häufiger, als man denkt, weil die Eigenschaften, die sie nach oben bringen, in vielen Unternehmen belohnt werden.
  • Erkennungszeichen: Meetings drehen sich um ihn, Erfolge sind seine, Fehler eure, Lieblinge und Sündenböcke wechseln, Führung über Angst, nach oben ein anderes Gesicht.
  • Verhalten: Yellow Rock, alles schriftlich bestätigen, nie Widerspruch vor Publikum, eigene Leistung dokumentieren, stille Verbündete.
  • No-Gos: ihn öffentlich korrigieren, ihm Privates anvertrauen, ihn als narzisstisch bezeichnen, im Affekt kündigen.
  • Bei Bossing: Tagebuch, Betriebsrat, Ärztin, arbeitsrechtliche Beratung – und den Ausstieg planen, nicht fliehen.

Woran du ihn erkennst

Er braucht Bewunderung: Meetings drehen sich um seine Erfolge, seine Ideen, seine Vision; Widerspruch wird als Illoyalität behandelt. Erfolge sind seine, Fehler sind eure – er schmückt sich mit Ergebnissen des Teams und findet bei Problemen sofort einen Schuldigen. Er hat Lieblinge und Sündenböcke, und die Rollen wechseln: Wer heute gelobt wird, kann morgen fallen. Er führt über Angst und Unvorhersehbarkeit; niemand weiß, in welcher Stimmung er kommt, und das Team richtet seinen Tag nach ihm aus. Er spaltet, teilt Informationen selektiv, redet mit jedem über jeden. Grenzen existieren nicht: Anrufe am Wochenende, Aufgaben außerhalb der Rolle, Bloßstellung vor anderen als „Humor“. Und nach oben ist er ein anderer Mensch.

Was die Chef-Konstellation besonders macht

Drei Dinge. Erstens die Macht: Er entscheidet über dein Gehalt, deine Aufgaben, dein Zeugnis. Zweitens die Öffentlichkeit: Alles passiert vor Zeugen, die aber selbst abhängig sind und deshalb oft schweigen. Drittens die Institution: Es gibt Regeln, Betriebsrat, Personalabteilung, Arbeitsrecht – Instrumente, die es in einer Partnerschaft nicht gibt. Wer sie kennt, ist nicht ausgeliefert.

Wie du dich verhältst

Yellow Rock, immer: freundlich, sachlich, professionell, kurz. Keine Emotion, keine private Information, keine Rechtfertigung. Du bist die verlässlichste, unaufgeregteste Person im Raum.
Alles schriftlich: Mündliche Absprachen per Mail bestätigen – „Wie besprochen übernehme ich X bis Freitag. Falls ich etwas falsch verstanden habe, gib mir bitte kurz Bescheid.“ Das schützt dich, wenn er später etwas anderes behauptet.
Kein Widerspruch vor Publikum: Kritik an seinen Ideen nie im Meeting, immer unter vier Augen und als Frage verpackt. Vor anderen verliert er nicht – er zerstört.
Bewunderung dosiert: Es ist kein Verrat an dir, ihm hin und wieder Anerkennung für etwas Echtes zu geben. Es ist Überlebensstrategie. Ehrlich bleiben, nicht kriechen.
Keine Verbündeten gegen ihn, aber Verbündete für dich: Offene Koalitionen fliegen auf und werden bestraft. Stille Verbindungen zu Kolleginnen, die dasselbe erleben, sind Gold wert – für Zeugenaussagen und für deine Psyche. Dazu Sichtbarkeit außerhalb seines Bereichs: Kontakte zu anderen Abteilungen, zur Personalabteilung, zu seinem Vorgesetzten, in sachlichem Rahmen. Wenn es kracht, sollst du nicht nur über ihn bekannt sein.
Deine Leistung sichtbar dokumentieren: Ergebnisse, Projekte, Lob von Kunden und Kollegen in einem eigenen Ordner. Er wird dir eines Tages Unfähigkeit vorwerfen; du brauchst dann die Fakten.

Absolute No-Gos

Ihn öffentlich bloßstellen oder korrigieren – die Rechnung kommt, und sie ist hoch. Ihm Privates anvertrauen in der Hoffnung auf Verständnis – es wird Munition. Ihm sagen, dass er narzisstisch ist, auch nicht in der Personalabteilung – nur Verhalten und Fakten benennen. Erwarten, dass Fairness, Dankbarkeit oder ein Versprechen etwas wert sind. Und allein in den Kampf ziehen, ohne Dokumentation, ohne Verbündete, ohne Beratung.

Wenn aus „schwieriger Chef“ Bossing wird

Wenn du systematisch ausgegrenzt, herabgesetzt, mit unerfüllbaren Aufgaben überhäuft oder öffentlich gedemütigt wirst, ist das Mobbing von oben. Dann gilt: ein Tagebuch führen mit Datum, Uhrzeit, Ort, Wortlaut, Zeugen und Folgen – zeitnah, sachlich, außerhalb des Firmenrechners. Betriebsrat oder Personalrat vertraulich einschalten. Die Ärztin aufsuchen, wenn Schlaf, Magen oder die Angst vor dem Montag Symptome machen; das ist wichtig für dich und dokumentiert die Folgen. Arbeitsrechtliche Beratung holen, bevor du kündigst, unterschreibst oder eine Beschwerde einreichst. Und den Ausstieg planen, nicht fliehen: mit Zeugnis, mit Plan, mit Kontrolle über die Geschichte. Der richtige Zeitpunkt zu gehen ist, wenn du merkst, dass sich nichts ändert – nicht erst, wenn du nicht mehr kannst.

Der narzisstische Kollege

Auf Augenhöhe fehlt die formale Macht, aber Nähe und Konkurrenz bleiben. Er sucht sofort deine Nähe und teilt „vertraulich“ über andere, präsentiert Teamergebnisse als eigene, streut Halbwahrheiten, sabotiert leise durch vergessene Weiterleitungen und „Missverständnisse“. Hier gilt: Distanz ohne Feindschaft, die eigene Arbeit sichtbar machen, bevor er es tut, Absprachen schriftlich, keine Koalitionen mit ihm und keine gegen ihn, Gerüchte direkt an der Quelle klären – und bei Sabotage die Führung sachlich mit Beleg informieren.

Zum Schluss

Was diese Konstellation von allen anderen unterscheidet: Du kannst nicht einfach gehen, also musst du lernen zu bleiben, ohne zu verschwinden. Das ist auf seine Weise anspruchsvoller, weil es täglich stattfindet, vor Zeugen, und weil du dabei funktionieren musst. Aber wer gelernt hat, einer narzisstischen Führungskraft freundlich und unerschütterlich gegenüberzustehen, wird von niemandem mehr so leicht zu erschüttern sein.
Ich bin keine Juristin. Bei Abmahnung, Kündigung, Mobbing oder Zeugnis wende dich bitte an eine Fachanwältin für Arbeitsrecht, den Betriebsrat oder eine Gewerkschaft.

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